Hechtdrill mit Hindernissen

von Maik Hemmecke und Björn Wentzek

Am Wahrheitsgehalt der folgenden Geschichte könnte man zugegebenermaßen zweifeln, ich selbst würde das eventuell tun, wenn ich es nicht erlebt hätte. Und Petri sei Dank habe ich den verlässlichsten Augenzeugen, den man haben kann – den Angelkollegen (Björn).
Zum zweiten Mal in diesem Jahr waren wir im Reich von Troll und Großhecht unterwegs. Entgegen den vorherigen Schweden-Fahrten wussten wir diesmal nicht, an welchem See genau wir eigentlich unser (Petri) Heil suchen sollten. Nach dem 4:0 gegen Argentinien (dank an Jürgen für die Parabol-Anlage – war der Hit auf dem Campingplatz) war klar, dass wir bei Freunden von Freunden von… unterkommen, richtig old school in einem Nebengebäude eines alten schwedischen Hofes. Da wir nach Reinigung und ein wenig Telefonieren eine auslauffähige „Hechtflotte“ organisiert hatten, waren auch die nicht vorhandene Dusche und das Plumpsklo aus Opas Zeiten völlig annehmbar. Frei nach dem Motto Wollt ihr Luxus oder Großhecht? fand am ersten Abend eine Schlepptour zum Kennenlernen des Sees statt. Der See war relativ klein, eigentlich der kleine Bruder eines gigantomanischen Hechtgewässers, so zumindest die Meinung eines holländischen Hechtanglers, der irgendwie wirkte als könnte man ihm vertrauen. Der Abend begann mit dem Ausschlitzen eines starken 90ers und endete mit Björn Schweden-Rekord (98,5 cm). Ein alter Klassiker von Rapala hatte da gute Dienste geleistet. Das war mal ein Auftakt.
Die Folgetage lassen sich nur von denen nachvollziehen, die gern ihre Zeit damit verbringen, bissfreudige Raubfische zu suchen: Nachdem der See am anderen Tag nicht so gut „funktionierte“, beschlossen wir doch den holländischen Geheimtipp zu versuchen – also wieder organisieren, da Boot nicht umsetzbar, dann die Geschichte, die wir schon kannten: Wir tragen (schwedisch-englisch) unser Problem vor, schwedischer Hof ruft schwedischen Hof an, dessen Kumpel ein Boot am See hat…usw. Die Tage danach waren fischmäßig eher bescheiden. Hatte der Oranje etwa doch geflunkert, lag es an uns? Das übliche Rätselraten, wenn es irgendwie kaum läuft. Der Höhepunkt der flossenwildlosen Krise war dann die erste Schneider-Fahrt, genau am Tag des Halbfinals (was wir ja bekanntlich verloren…im Gegensatz zu den Oranjes). Irgendwas war gegen uns…Krisensitzung; Ergebnis: Spanien war leider tatsächlich besser an diesem Abend, und wir gehen zurück auf den kleinen See, um am letzten Abend einige Barsche zu verhaften, die wir uns an von Einheimischen gebauten Fischplätzen (eingeschlagene Pfähle in 3-4 Meter tiefem Wasser, aufgefüllt mit Balken und Weihnachtsbäumen) erhofften.



Dieser letzte Abend der Tour war wie in alten Zeiten, es wurde zum Spot gerudert, da der Motor bereits wieder beim schwedischen Freund vom schwedischen Freund usw. war. Björn, der, weil nicht rudernd ausgeruht war, begann sofort nach Ankunft seinen neuen Lieblings-Popper in die Fluten zu dreschen. Ich stieg auch barschmäßig ein – und es ging so weiter wie die letzten Tage, wir waren ungefähr so effektiv wie Müller im Halbfinale (wer das nicht kapiert, muss bitte die Aufstellung des Halbfinals googeln). Während ich noch Pause machte, sehe ich aus dem Augenwinkel einen Wurfansatz Björns – nicht schlecht, dachte ich, er will wirklich durch einen ungefähr 20 cm breiten Spalt zwischen zwei Holzpfählen auf die andere Seite des Spots werfen-Respekt! Wenig später hing der Popper dann im Geäst, da er der Schnur folgte, die sich ungefähr 20-mal um diverse Holzteile gewickelt hatte. Da mussten wir also hin, Boot lösen und an den kreisförmig angeordneten Pfählen entlang auf die andere Seite. Die Operation gelang, der Popper ruckte wieder über die Oberfläche. Ich sah mir erst mal weiter die Lage an, es schien etwas Bewegung in die Fischwelt zu kommen. Vor mir lag nun die offene Seite des Sees – exakt die Tiefen, aus denen eventuell mal ein stattlicher Esox den Spot ansteuert, um seinerseits einen Barsch abzugreifen. Björn registrierte meinen Rutenwechsel kaum noch, da mittlerweile auch der Dickbarsch am Rauben war. Meine Wahl fiel auf einen Herky-Jerky – ein feines flankendes Teil mit ordentlich Wurfverhalten.

Der Jerk rauscht ca. 40 Meter weit davon und schlägt klatschend in das abendrote Wasser. Nach kurzer Sinkphase der erste Schlag. Sofort mit diesem rumste es richtig, die kurze Jerkrute machte sich gewaltig krumm. So krumm, dass auch Björn mal kurz guckt. Der Hecht ist stark, zieht erst in die Tiefe, bloß nichts überstürzen. Die Aktion der Rute erinnert mich stark an Hecht an der Fliegenrute – hoffentlich geht das gut. Geht’s auch erstmal, der zehnminütige Drill hat den Hecht ans Boot gebracht. Leider aber somit auch in die Nähe von Pfählen, Stämmen und Weihnachtbäumen. Trotz des Hinweises von Björn, das doch bitte zu berücksichtigen, gelingt dem angeschlagenen Esox eine letzte Flucht – voll ins Holz. Nichts ging mehr – die Aufregung des Drills geht in eine Phase tiefer Ernüchterung über. Fakt ist, dass das so nicht enden kann, auch für den Hecht wäre das wohl tragisch. Während ich ratlos im Boot stehe, erzählt Björn irgendwas von „Anker“ und „Köder lösen“. Hört sich ziemlich abenteuerlich an, aber was Besseres fällt mir auch nicht ein. Dann geht’s los – der Kollesch holt mittels Anker eine prächtige Fichte ins Boot, an der Rute tut sich nix. Nach weiteren diversen Baumteilen bewegt sich etwas, sollte er noch dran sein? Und die Schnur tatsächlich halbwegs frei? Im Augenwinkel wieder der „Hechtretter“, der Großholz ins Boot hievt; und wieder denke ich: Respekt! Es scheint mir unglaublich, aber plötzlich ist wieder Druck auf der Rute-richtig Druck. Der alte Holz-Hecht ist tatsächlich wieder frei. Das brülle ich Björn auch ungefähr 5-mal zu. „Er zieht wieder, er zieht“. Björn sieht etwas fertig aus, ist aber ungefähr so heiß wie ich, da das ja quasi jetzt „unser“ Hecht ist. Der zieht glücklicherweise, weil sich wieder kräftiger fühlend, ins Freiwasser. Nach weiteren Fluchten scheint der Moment gekommen, erneute Spielereien zu unterbinden. Der Drill bleibt bis zum Schluss hart und spannend, immerhin weiß keiner, wie der Köder nach der ganzen Aktion hängt und ob die Schnur nicht doch Schaden genommen hat.
Ungefähr 30 Minuten nach Biss ist der Hecht im Boot – ohne Frage der aufregendste Drill für mich seit meinen ersten Forellen aus Kindertagen. Und es ist ein Metriger – ein Meter, sieben Kilogramm.
Danach war die Beißzeit rum, wir fingen nichts mehr. Ich für meinen Teil durfte ja wohl auch nichts mehr verlangen – Petri hatte alles gegeben. Mindestens genauso viel Anteil am glücklichen Ausgang der Geschichte hatte der findige Angelkollesch. Danke Björn! Was für ein Abschlussabend.